Bahn fahren
Man steigt ein mit einem Plan,
mit Uhrzeit, Platz und Zuversicht.
Doch irgendwo zwischen Abfahrt und Ankunft
verliert sich all das aus dem Blick.
Erst kommt die Meldung:
„Verspätung wegen einer Verzögerung im Betriebsablauf.“
Dann die nächste.
Und noch eine.
Bis niemand mehr weiß,
ob man fährt oder wartet.
Das Gleis wechselt wie das Wetter.
Von sieben nach zwölf,
von zwölf nach drei.
Menschen ziehen Koffer hinter sich her,
als würden sie einer Schatzkarte folgen,
die ständig neu gezeichnet wird.
Schienenersatzverkehr.
Ein Wort so lang
wie die Geduld, die man dafür braucht.
Busse statt Züge,
Umwege statt Strecken,
Fragezeichen statt Fahrpläne.
Heute gibt es keine Reservierungen.
Jeder Sitzplatz ist ein kleiner Gewinn,
jeder freie Platz am Fenster
fast schon ein Wunder.
Und wer steht,
lernt die Landschaft eben im Vorbeigehen kennen.
Die Temperatur führt ihr Eigenleben.
Mal fühlt sich der Wagen an
wie ein Wintermorgen im Februar,
dann wieder wie ein Gewächshaus im Juli.
Dazwischen sucht man den Knopf,
der angeblich alles regeln soll.
Das Bordbistro bleibt heute geschlossen.
Personalmangel.
Der Kaffee bleibt ein Wunsch.
Und plötzlich wird ein Müsliriegel
zum wertvollsten Besitz der Reise.
Und trotzdem rollen die Räder weiter.
Kilometer für Kilometer.
Menschen lesen, schlafen, telefonieren,
fluchen und lachen.
Denn Bahnfahren ist manchmal
weniger eine Reise von Ort zu Ort
als eine Übung in Gelassenheit.
Und wenn man irgendwann ankommt,
etwas später als geplant,
etwas müder als gedacht,
dann fühlt sich selbst ein gewöhnlicher Bahnsteig
ein kleines bisschen an
wie ein Sieg.