Das Schlimmste war nicht dieser eine Tag

Teilen
Das Schlimmste war nicht dieser eine Tag

Das Schlimmste war nicht dieser eine Tag.

Das dachte ich lange.

Dass es dieser eine Tag gewesen sein müsste,
den ich nur irgendwie überstehen musste.
Diese Stunden.
Diese Minuten.
Dieser Moment,
der mein Leben in ein Davor
und ein Danach teilte.

Aber irgendwann verstand ich:

Das Schlimmste war nicht nur dieser eine Tag.

Es waren die hundert Tage danach.

Die erste Nacht,
in der mein Körper nicht begriff,
dass niemand mehr da war.

Der Morgen,
an dem die Sonne aufging,
als wäre nichts passiert.

Menschen gingen zur Arbeit.
Busse fuhren.
Jemand kaufte Brötchen.
Irgendwo stritt ein Paar darüber,
wer den Müll runterbringt.

Und ich dachte:

Wie kann die Welt einfach weitermachen?

Siehst du denn nicht,
dass meine gerade stehen geblieben ist?

Das Schlimmste war
das erste Mal,
als ein Geruch genügte.

Ein Raum.
Eine Bewegung.
Ein Satz.
Eine Hand,
die vollkommen harmlos nach mir griff.

Und plötzlich war ich wieder dort.

Nicht in Gedanken.

Mit meinem ganzen Körper.

Mein Herz wusste nicht,
welches Jahr wir hatten.
Meine Hände wussten nicht,
dass es vorbei war.
Meine Haut kannte keinen Kalender.

Alle sagten:
Du bist jetzt sicher.

Aber niemand hatte meinem Körper erklärt,
was Sicherheit bedeutet.

Das Schlimmste waren die Fragen.

Warum bist du nicht gegangen?

Warum hast du nichts gemacht?

Warum hast du nicht geschrien?

Und irgendwann
musste niemand mehr fragen.

Weil ich es selbst tat.

Warum?
Warum?
Warum?

Bis aus der Frage
eine Anklage wurde

und ich auf einmal
auf der falschen Seite
meines eigenen Prozesses saß.

Das Schlimmste war die Scham.

Für etwas,
das ein anderer getan hatte.

Als hätte er mir nicht nur
meine Sicherheit genommen,

sondern mir beim Gehen
auch noch seine Schuld
in die Hände gedrückt.

Und ich trug sie.

Viel zu lange.

Das Schlimmste war,
meinem eigenen Körper
nicht mehr zu vertrauen.

Ihn anzusehen
und nicht zu wissen,
ob er noch meiner war.

Ich wollte aus meiner Haut.

Wollte zurück in ein Davor,
in dem eine Berührung
einfach eine Berührung sein durfte.

In dem Türen nur Türen waren.
Nächte nur Nächte.
Erinnerungen nur Erinnerungen.

Das Schlimmste war,
dass es vorbei war

und trotzdem immer wieder geschah.

Im Supermarkt.
Im Zug.
Unter der Dusche.
Mitten in einem Gespräch.
Kurz vor dem Einschlafen.
An einem eigentlich schönen Tag.

Trauma fragt nicht,
ob es gerade passt.

Es klopft nicht.

Es steht plötzlich wieder im Raum
und überzeugt deinen Körper davon,
dass Vergangenheit
Gegenwart ist.

Das Schlimmste war nicht dieser eine Tag.

Es waren die Tage,
an denen ich mich selbst nicht wiedererkannte.

Die Tage,
an denen Überleben
nicht nach Stärke aussah.

Sondern nach Bett.
Nach geschlossenen Vorhängen.
Nach abgesagten Verabredungen.
Nach zitternden Händen.
Nach irgendwie bis morgen kommen.

Und vielleicht
ist genau das die Wahrheit,
über die wir viel zu selten sprechen:

Man überlebt ein Trauma
nicht nur in dem Moment,
in dem es geschieht.

Man überlebt sein Echo.

Wieder.

Und wieder.

Und wieder.

Bis irgendwann
zwischen all diesen Echos
etwas anderes auftaucht.

Ein Augenblick,
in dem mein Körper nicht erschrickt.

Eine Tür,
durch die ich einfach hindurchgehe.

Eine Nacht,
die wieder mir gehört.

Eine Berührung,
bei der ich bleiben kann.

Und vielleicht bedeutet Heilung
nicht,
dass dieser eine Tag verschwindet.

Vielleicht bedeutet sie,

dass mein Heute
irgendwann größer wird
als mein Damals.

Dass mein Körper langsam versteht:

Wir sind nicht mehr dort.

Dass ich die Schuld
endlich dort ablege,
wo sie immer hingehört hat.

Und dass ich meinen Körper,
Stück für Stück,
wieder zu meinem Zuhause mache.

Das Schlimmste war nicht dieser eine Tag.

Aber dieser eine Tag

bekommt auch nicht
alle Tage danach.