Für sie

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Für sie
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Manchmal vergesse ich,
dass ich einmal sie war.

Dieses Mädchen
mit den Zahnlücken,
den Händen vor dem Bauch
und einem Lächeln,
das noch nicht wusste,
wie viel ein Mensch verlieren kann.

Sie wusste nichts
von den Jahren, die kommen würden.
Nichts von Abschieden.
Nichts von Nächten,
in denen das eigene Leben
zu schwer in den Händen liegt.
Nichts davon,
wie oft sie später glauben würde,
sie hätte versagt.

Sie stand einfach da
und glaubte vermutlich,
dass die Welt auf sie wartet.

Und manchmal frage ich mich,
was sie heute denken würde,
wenn sie mich sehen könnte.

Ob sie erschrecken würde
über all die Narben,
die man auf keinem Foto sieht.

Oder ob sie näher käme,
meine Hand nehmen
und mich fragen würde:

Warum bist du so streng mit mir geworden?

Denn vielleicht bin ich es,
die ich jedes Mal verletze,
wenn ich mich selbst aufgebe.

Vielleicht ist sie es,
die ich im Stich lasse,
wenn ich glaube,
ich sei keine Mühe mehr wert.

Dieses kleine Mädchen
hatte keine Ahnung,
was vor ihr lag.

Aber ich weiß es heute.

Ich weiß,
was sie überlebt hat.
Ich kenne jeden Umweg,
jeden Verlust,
jede Stelle ihres Lebens,
an der etwas in ihr zerbrach.

Und deshalb möchte ich
nicht länger von ihr verlangen,
noch stärker zu sein.

Vielleicht muss ich
endlich die Erwachsene werden,
die sie damals gebraucht hätte.

Eine, die sie beschützt.
Die Grenzen zieht.
Die geht, wenn Bleiben wehtut.
Die ihr glaubt.
Die sie auffängt.
Die ihr erlaubt, müde zu sein.
Die ihr ein Zuhause baut,
in dem sie keine Angst haben muss,
wieder alles zu verlieren.

Vielleicht bedeutet Heilung nicht,
dieses Mädchen hinter mir zu lassen.

Vielleicht bedeutet Heilung,
mich irgendwann umzudrehen
und zu begreifen:

Sie ist die ganze Zeit mitgekommen.

In jedem Neuanfang.
In jeder Angst.
In jedem kleinen bisschen Mut.
In jedem Morgen,
an dem ich trotzdem aufgestanden bin.

Und wenn ich gerade nicht weiß,
wofür ich weitermachen soll,
dann vielleicht für sie.

Für das Mädchen,
das noch nicht wusste,
wie ihre Geschichte weitergeht.

Ich kann ihre Vergangenheit
nicht mehr verändern.

Aber ich kann entscheiden,
wie ich mit ihrer Zukunft umgehe.

Und diese Zukunft—

bin ich.