Zwischen Abschied und Neuanfang
Diese Woche ist es soweit:
Nach sechs Monaten und zwei Wochen werde ich entlassen.
Wenn ich diesen Satz schreibe, fühlt er sich gleichzeitig wunderschön und unglaublich beängstigend an. So lange war die Station mein Alltag. Mein sicherer Ort. Der Platz, an dem ich zusammengebrochen bin, geweint habe, wieder aufgestanden bin und Schritt für Schritt gelernt habe, irgendwie weiterzumachen.
Es waren schwere Monate. Monate voller Rückschläge, Überforderung und Situationen, die mich immer wieder aus der Bahn geworfen haben. Manchmal hatte ich das Gefühl, keinen einzigen klaren Gedanken mehr fassen zu können. Und trotzdem gab es Menschen, die geblieben sind. Menschen, die mich aufgefangen haben, wenn ich selbst keinen Halt mehr hatte. Die an mich geglaubt haben, auch an Tagen, an denen ich das selbst nicht konnte.
Genau deshalb war mir mein Abschied so wichtig.
Vor ungefähr einem Monat habe ich angefangen, alles vorzubereiten. Erst nur mit kleinen Ideen. Dann wurden daraus immer mehr Umschläge, Texte, Gedanken und Erinnerungen. Für jeden Mitarbeiter der Station habe ich ein individuelles Gedicht geschrieben. Dazu gibt es einen Stift und einen kleinen Glücksbringer.
Es hat viele Stunden gedauert. Wahrscheinlich mehr, als ich zwischendurch zugeben wollte. Aber irgendwie war genau das ein Teil meiner Verarbeitung. Beim Schreiben habe ich gemerkt, wie viele Menschen mich in dieser Zeit begleitet haben. Wie viele Gespräche geblieben sind. Kleine Situationen. Sätze. Gesten. Momente, die vielleicht im Alltag schnell untergehen — die für mich aber einen Unterschied gemacht haben.
Jetzt liegen die Umschläge fertig vor mir und ich freue mich schon darauf, sie zu verteilen. Auch wenn ich jetzt schon weiß, dass ich wahrscheinlich weinen werde.
Nicht nur innerhalb der Klinik wurde ich begleitet. Auch außerhalb hatte ich Menschen an meiner Seite. Meine beiden Assistentinnen vom ambulant betreuten Wohnen haben mich Woche für Woche besucht, mit mir geplant, organisiert, zugehört und ausgehalten. Eine von ihnen wird mich sogar abholen und nach Hause bringen. Allein dieser Gedanke macht alles plötzlich sehr real.
Ich bin aufgeregt. Wirklich aufgeregt.
Denn nach so langer Zeit fühlt sich „nach Hause gehen“ nicht einfach nur schön an. Es fühlt sich neu an. Fast wie ein Leben, das man erst wieder kennenlernen muss.
Trotzdem freue ich mich auf die kleinen Dinge.
Ich möchte meine Oma besuchen. Kuchen backen. Blumen pflanzen. Wieder einen eigenen Rhythmus finden. Spaziergänge machen. Musik hören. Vielleicht einfach morgens mit einem Kaffee am Fenster sitzen und merken, dass ich wieder Teil meines eigenen Lebens bin.
Noch ist vieles unsicher. Aber zwischen all der Angst ist da auch etwas anderes:
Hoffnung.
Und vielleicht reicht genau das erstmal.